Wissen
Jovanovic et al. 2026: Piqûres malveillantes, medizinische und soziale Fragen (CHUV, CURML, EPFL)
Übersichtsartikel in der Revue médicale suisse von Autorinnen und Autoren der Notfallabteilung des CHUV, des CURML (Toxikologie und forensische Chemie) und des Labors für Stadtsoziologie der EPFL. «Piqûres malveillantes» (englisch «needle spiking») bezeichnet das Stechen einer Person mit einem spitzen Gegenstand ohne ihre Einwilligung, meist im Festkontext. Betroffene sorgen sich um eine Substanzgabe mit soumission chimique, um die Übertragung von HIV, Hepatitis B und C und um die Verletzung ihrer körperlichen Integrität. Der Artikel nennt Fallzahlen: 1382 Meldungen in Grossbritannien zwischen September 2021 und Januar 2022, rund 350 Anzeigen in Frankreich im Frühling 2022 und 10 von der Polizei gemeldete Fälle im Kanton Waadt im Jahr 2022. Die rechtsmedizinischen Abklärungen im Kanton Waadt fanden keine Substanzen ausser solchen, welche die Betroffenen selbst eingenommen hatten. Bisher wurde nach einer solchen Stichattacke nirgends eine schädliche Substanz nachgewiesen. Die Autorinnen und Autoren halten eine heimliche Injektion sedierender Substanzen wie GHB, Ketamin oder Benzodiazepine für sehr unwahrscheinlich. Sie empfehlen trotzdem, rasch Blut und Urin zu entnehmen und mit chromatographischen und massenspektrometrischen Verfahren zu analysieren. Eine HIV-PEP oder eine PEP gegen Hepatitis C wird nach französischen Expertenempfehlungen nicht empfohlen. Bei fehlender oder unvollständiger Hepatitis-B-Impfung wird eine Impfung empfohlen. Für die Versorgung empfiehlt der Artikel aufmerksames Zuhören, ergänzt durch klinische und biologische Abklärungen, sowie bei Bedarf eine rechtsmedizinische und psychologische Begleitung.
Der Verfahrensstand folgt den Quellen, nicht einer eigenen Prüfung der Akten.
Beteiligte
| Name | Rolle | Funktion | Partei |
|---|---|---|---|
| Marina Jovanovic | Erstautorin | Service des urgences, CHUV | |
| Pascal Viot | Mitautor | Laboratoire de sociologie urbaine (LaSUR), EPFL | |
| Marc Augsburger | Mitautor | CURML, Unité de toxicologie et chimie forensiques | |
| Maryline Foerster Pidoux | Mitautorin | Service des urgences, CHUV | |
| Pierre-Nicolas Carron | Mitautor | ||
| Matthias Cavassini | Mitautor |
Namen erscheinen nur bei öffentlicher Funktion oder rechtskräftiger, namentlich berichteter Verurteilung. Für alle Personen ohne rechtskräftiges Urteil gilt die Unschuldsvermutung.
Einordnung der Redaktion, keine Tatsachenbehauptung aus den Quellen
Der Volltext ist frei zugänglich und geprüft. Der Artikel betont, dass Substanzgaben durch Stiche als wenig plausibel gelten. Die emotionale Belastung der Betroffenen nimmt er trotzdem ernst und behandelt die Stiche als Form der Aggression. Die Fallzahlen stammen aus Sekundärquellen (Polizei, Medien) und sind keine eigene Erhebung.
Verbindungen
Gemäss bestehender Erfassung behandelt der Waadtländer Staatsrat Nadelstiche gleich wie soumission chimique (25_REP_24); an dieser Quelle nicht geprüft.
Zusammenhänge
Nadelstiche in der Waadt 2022
Arbeitshypothese, Gleiche Phänomenwelle
Arbeitshypothese. Mehrere Quellen nennen Fallzahlen, die zueinander passen könnten. Am 27.6.2022 waren es rund zehn Fälle aus drei Monaten, was den Balélec-Fall vom Mai umfassen könnte. Für den Sommer meldete die Polizei 19 Verdachtsfälle und zehn Anzeigen. Jovanovic et al. nennen zehn von der Polizei gemeldete Fälle im Jahr 2022. Wie diese Zahlen zusammenhängen, belegen die Quellen nicht. Übereinstimmend wurde nirgends eine injizierte Substanz gefunden.
Weitere Einträge: Balélec an der EPFL: Fünf Personen melden unbemerkte Spritzenstiche, erste Anzeige im Kanton Waadt, Waadt: Kanton und Stadt Lausanne mit gemeinsamer Präventionsbotschaft zu Stichen und GHB, Waadt: Kein GHB bei 19 gemeldeten Spritzenfällen an Sommerfestivals
Forschende in mehreren Einträgen: Steuer, Liechti, Augsburger, Carron
belegt, Gleiche Personen
Andrea E. Steuer (IRM Zürich) ist an den Biomarker-Studien 2022 und 2023 beteiligt und wird 2026 in 20 Minuten zitiert. Matthias E. Liechti (USB) ist Autor der Pharmakokinetik-Studie 2016 und der Übersicht 2019. Marc Augsburger und Pierre-Nicolas Carron haben die CURML-Studie 2022 und den Artikel zu Nadelstichen 2026 mitverfasst. Augsburger äusserte sich ausserdem 2021 gegenüber RTS zu den Lausanner Gerüchten.
Weitere Einträge: Steuer et al. 2022: Synthese neuer GHB-Biomarker, Nachweisfenster 6 Stunden Blut, 12 Stunden Urin, Steuer et al. 2023: GHB-Glycin verlängert Nachweis im Urin (IRM Zürich), 20 Minuten 2026: IRM Zürich zu GHB-Nachweis und Symptomen, Liechti et al. 2016: Pharmakokinetik von GHB bei Gesunden (Universitätsspital Basel), Bühler, Schmid, Liechti 2019: K.O.-Mittel, Diagnostik auf der Notfallstation und in der Praxis, CURML/CHUV: Systematische GHB-Suche in 815 forensischen Proben 2021 (Waadt), Lausanne subventioniert 4'000 Glasdeckel «Drink Watch» für Bars und Clubs
Quellen
- Piqûres malveillantes : enjeux médicaux et sociauxRevue médicale suisse 22(957), S. 670-673, 2026-04-08
Eintrag 2026-04-08_jovanovic-et-al-2026-piqures-malveillantes-medizinische-und-soziale-fragen-chuv-. Letzte Prüfung der Quellen am 29.10.2026. Fehler oder fehlende Quellen bitte über Korrektur melden.